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 Leseprobe

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BeitragThema: Leseprobe   Mo Dez 05, 2011 9:02 am

Berlin, Deutschland

Der Vampir hatte keine Ahnung, dass im Dunkel der Tod auf
ihn lauerte.
In seiner Gier war er mit all seinen Sinnen völlig auf die halb
nackte Rothaarige in seinen Armen konzentriert, die ihn mit
kaum gezügelter Lust betatschte. Zu fiebrig, um zu bemerken,
dass sie in seinem Schlafzimmer im Dunklen Hafen nicht allein
waren, öffnete er mit einem mentalen Befehl die geschnitzten
Türflügel und führte seine willige, keuchende Beute hinein. Die
Frau schwankte auf ihren hohen Absätzen, sie entwand sich ihm
lachend und drohte ihm mit dem Finger.
„Hans, du hass mir zzu viel Schampuss eingeflößt“, nuschelte
sie und stolperte in den dunklen Raum. „Mir iss ganz komisch.“
„Das geht vorbei.“ Auch der deutsche Vampir klang undeutlich,
wenn auch nicht vom Alkohol berauscht wie seine arglose
amerikanische Gefährtin. Seine Fangzähne füllten ihm den
Mund aus, Speichel überflutete seine Zunge in Vorfreude auf
Nahrung.
Er folgte ihr mit bedächtigen Bewegungen, schloss die Tür
hinter sich und schlich auf sie zu. Seine Augen glühten, transformierten
sich von ihrer natürlichen Farbe zu etwas Jenseitigem.
Obwohl die junge Frau die Veränderung, die er durchmachte, gar
nicht zu bemerken schien, hielt der Vampir seinen Kopf gesenkt,
während er sich ihr näherte, bemüht, die verräterische Hitze
seines blutdurstigen Blicks zu verbergen. Außer dem verdeckten
bernsteinfarbenen Glühen seiner Augen und dem schwachen
Glanz der Sterne auf der anderen Seite der hohen Fenster, die
auf das Privatgrundstück des Dunklen Hafens blickten, gab es
kein Licht im Raum. Aber als Stammesvampir sah er auch ohne
Licht.
Genau wie der andere, der gekommen war, um ihn zu töten.
Aus den Schatten auf der anderen Seite des großen Raumes
beobachteten dunkle Augen, wie der Vampir seine Blutwirtin von
hinten packte und zur Sache kam. Als die erste kupfrige Duftwolke
aus der geöffneten menschlichen Ader drang, schossen die
Fänge des Beobachters reflexartig aus seinem Zahnfleisch.
Auch
er war ausgehungert, mehr, als er zugeben wollte, aber er war
zu einem höheren Zweck hierhergekommen, als seine eigenen
Grundbedürfnisse zu befriedigen.
Was er wollte, war Rache.
Gerechtigkeit.
Diese Mission war es, die Andreas Reichens Füße wie angewurzelt
auf dem Boden hielt, während der andere Vampir am
anderen Ende des Raumes in blinder Gier trank. Er wartete, geduldete
sich nur, weil er wusste, dass der Tod dieses Mannes ihn
der Erfüllung des Schwurs einen Schritt näher bringen würde,
den er vor etwa zwölf Wochen geleistet hatte … in der Nacht, als
seine Welt in Trümmer und Asche zerfallen war.
Reichens Selbstbeherrschung war hauchdünn. Innerlich tobte
er von der Hitze seiner Wut. Seine Knochen fühlten sich unter
seiner Haut an wie heiße Eisenstangen. Sein Blut rauschte durch
seinen Körper wie flüssiges Feuer, das ihn vom Scheitel bis zur
Sohle versengte. Jeder Muskel, jede Zelle in ihm schrie mit
einer Wildheit nach Vergeltung, die an nukleare Kernschmelze
grenzte.
Nicht hier, warnte er sich. Nicht so.
Wenn er jetzt seiner Wut nachgab, würde er einen hohen
Preis dafür zahlen, und bei Gott, das war dieser Hundesohn
nicht wert.
Reichen hielt diesen explosiven Teil seines Selbst in Schach,
aber die Anstrengung kam einen Sekundenbruchteil zu spät.
Das Feuer, das bereits in ihm anschwoll, brannte durch seine
hauchdünne Selbstbeherrschung …
Der andere Vampir hob abrupt den Kopf vom Hals der Frau.
Er atmete scharf durch die Nase ein, dann grunzte er animalisch
… beunruhigt. „Da ist wer.“
„Was sagst du?“, murmelte sie, immer noch benommen von
seinem Biss. Er verschloss ihre Wunde mit seiner Zunge und
stieß sie von sich. Sie stolperte nach vorn, stieß dabei leise ein
paar deftige Flüche aus. Sobald ihr träger Blick auf Reichen traf,
entfuhr ihr ein gellender Schrei. „Oh mein Gott!“
Reichen spürte, wie seine Augen von dem bernsteinfarbenen
Feuer seiner Wut schwelten und seine Fangzähne durch sein
Zahnfleisch stießen, in Bereitschaft für den bevorstehenden
Kampf. Er trat einen Schritt aus dem Schatten.
Wieder schrie die Frau auf, ihr Blick voller Panik, wilder Hysterie.
Sie sah sich schutzsuchend nach ihrem Begleiter um, doch
der Vampir hatte keine Verwendung mehr für sie. Herzlos stieß
er sie aus dem Weg und preschte vorwärts. Durch die Wucht des
Stoßes ging sie zu Boden.
„Hans!“, schrie sie. „Um Gottes willen, was ist hier los?“
Zischend stellte sich der Vampir dem unerwarteten Eindringling
entgegen, duckte sich in Angriffshaltung. Reichen blieb nur
noch ein Augenblick, um der verwirrten, verängstigten Frau
einen schnellen Blick zuzuwerfen.
„Verschwinde.“ Mit einem mentalen Befehl schloss er die
Schlafzimmertür auf und ließ sie aufschwingen. „Raus mit dir,
sofort!“
Noch während sie hastig von dem polierten Marmorboden
aufstand und aus dem Raum floh, erhob sich der Vampir des
Dunklen Hafens mit einer flüssigen Bewegung in die Luft. Bevor
seine Füße wieder den Boden berührten, sprang Reichen den
Mistkerl an.
Ihre Körper prallten zusammen, durch die Wucht von Reichens
Schwung wurden sie beide quer durchs ganze Zimmer
geschleudert. Riesige Fänge knirschten, wilde bernsteinfarbene
Augen durchbohrten einander in tödlicher Bösartigkeit, und so
krachten sie miteinander wie eine Abrissbirne gegen die gegenüberliegende
Wand.
Knochen brachen von dem Aufprall, doch das genügte Reichen
nicht.
Noch nicht annähernd.
Er warf den wütenden Stammesvampir, der vergeblich gegen
ihn ankämpfte, zu Boden und nagelte ihn fest, indem er ihm hart
ein Knie in die Kehle rammte.
„Nichtsnutziger Idiot!“, brüllte der Vampir, trotz seiner
Schmerzen immer noch überheblich. „Hast du irgendeine Ahnung,
wer ich bin?“
„Und ob. Du bist Agent Hans Friedrich Waldemar.“ Reichen
bleckte Zähne und Fänge in der wüsten Parodie eines Lächelns
und starrte auf ihn hinunter. „Sag bloß nicht, du hast schon vergessen,
wer ich bin.“
Nein, er hatte es nicht vergessen. Hinter Schmerz und Angst
in Waldemars geschlitzten Pupillen blitzte Wiedererkennen auf.
„Du Bastard … bist Andreas Reichen.“
„Ganz genau.“ Reichen hielt den Mistkerl in einem Blick von
so tödlicher Wut gefangen, dass er ihn fast versengte. „Was ist,
Agent Waldemar? Überrascht, mich zu sehen?“
„Ich … ich verstehe nicht. Der Angriff auf den Dunklen Hafen
im Sommer …“ Der Vampir holte mühsam Luft. „Es hieß, es
hätte keine Überlebenden gegeben.“
„Fast keine“, berichtigte Reichen knapp.
Und nun wusste Waldemar, welchem Umstand er diesen
Besuch verdankte. In seinen Augen stand düsteres Begreifen.
Nackte Angst. Als er jetzt redete, zitterte seine Stimme. „Ich
hatte nichts damit zu tun, Andreas. Das musst du mir glauben …“
Reichen schnaubte höhnisch. „Das haben die anderen auch
gesagt.“
Waldemar begann sich zu winden, doch Reichen presste ihm
das Knie noch härter gegen die Kehle. Waldemar atmete pfeifend,
versuchte die Hände zu heben, als Reichens Gewicht ihm
die Luftröhre abzudrücken begann.
„Bitte … sag mir doch, was du von mir willst.“
„Gerechtigkeit.“
Reichen spürte weder Befriedigung noch Reue, als er Waldemars
Kopf packte und wild an ihm riss. Das Genick brach, dann
fiel der Kopf des Stammesvampirs mit einem dumpfen Geräusch
zu Boden.
Reichen stieß einen tiefen Seufzer aus, der wenig dabei half,
seine Qual zu lindern oder den Kummer darüber, dass er lebendig
war – und allein. Der einzige Überlebende. Der Letzte seiner
Familie.
Als er aufstand und sich daranmachte, diesen letzten Toten
hinter sich zu lassen, fiel ihm etwas ins Auge. Auf einem der
Bücherregale aus Mahagoni glitzerte poliertes Glas. Er stapfte
hinüber, seine Füße bewegten sich wie von selbst, sein geschärfter
Blick war auf das Gesicht seines Feindes fixiert, das ihn aus
der Fotografie mit dem Silberrahmen anstarrte. Er packte das
Bild und starrte darauf hinunter, seine Finger wurden heiß, wo
sie sich gegen das Metall des Rahmens pressten. Reichens Augen
brannten, je länger er das verhasste Gesicht betrachtete, ein tiefes
Knurren entwich seiner Kehle, wild und animalisch dank seiner
schwelenden Wut.
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BeitragThema: Re: Leseprobe   Mo Dez 05, 2011 9:03 am

Fortsetzung:

Wilhelm Roth stand inmitten einer kleinen Gruppe von Stammesvampiren
in der förmlichen Abendkleidung der Agentur,
allesamt herausgeputzt in schwarzen Smokings und gestärkten
weißen Hemden, die Oberkörper mit bunten Seidenschärpen
und glänzenden Medaillen dekoriert, an ihren Seiten hingen
vergoldete Stoßdegen. Reichen schnaubte verächtlich angesichts
dieser Selbstherrlichkeit – der machthungrigen Arroganz, die
in diese selbstzufriedenen, lächelnden Gesichter geschrieben
stand.
Nun waren sie alle tot … alle, außer einem.
Roth hatte er sich als Letzten aufgehoben.
Andreas hatte sich akribisch die Hierarchie hinaufgearbeitet.
Zuerst die Mitglieder der Todesschwadrone der Agentur, die
heimtückisch seinen Dunklen Hafen, sein Zuhause überfallen
und das Feuer auf jede lebende Seele darin eröffnet hatten –
sogar auf die Frauen und Kleinkinder, die in ihren Wiegen schliefen.
Als Nächstes hatte er sich die Handvoll von Roths Kumpanen
vorgenommen, die aus ihrer Loyalität zu dem mächtigen Leiter
des Dunklen Hafens, der den Befehl für das Gemetzel gegeben
hatte, nie einen Hehl gemacht hatten.
Ein Schuldiger nach dem anderen hatte in den letzten paar
Wochen den Tod gefunden. Der Vampir, der mit gebrochenem
Genick auf dem Boden lag, war das letzte bekannte Mitglied von
Wilhelm Roths korruptem inneren Kreis in Deutschland.
Womit nur noch Roth selbst übrig war.
Der Bastard würde brennen für das, was er getan hatte.
Aber zuerst würde er leiden.
Reichens Augen kehrten zu der gerahmten Fotografie in seinen
Händen zurück und erstarrten. Auf den ersten Blick hatte
er die Frau nicht bemerkt. In seiner Wut hatte er sich einzig auf
Roth konzentriert. Doch jetzt, da er sie entdeckt hatte, konnte
er seine Augen nicht mehr von ihr lösen.
Claire.
Sie stand etwas abseits der Gruppe von Stammesvampiren,
zierlich, doch mit königlicher Haltung, in einem ärmellosen hellgrauen
Abendkleid, gegen das ihre hellbraune Haut so glatt und
üppig wirkte wie Satin. Ihr weiches schwarzes Haar war sorgfältig
aufgesteckt, keine einzige Strähne fehl am Platz.
Die Zeit hatte Claire nichts anhaben können, sie wirkte nicht
einmal ein Jahr älter als damals, als er sie gekannt hatte – aber
das war nichts Außergewöhnliches; die Blutsverbindung, die
sie seit diesen mehr als dreißig Jahren mit ihrem Gefährten
teilte, erhielt sie jung und stark. Sie sah Wilhelm Roth und seine
kriminellen Freunde lächelnd an, ihre Miene beherrscht und
undurchdringlich.
Eine perfekte Gefährtin für den Vampir, der sich als Reichens
tückischster Feind herausgestellt hatte.
Claire.
Nach all dieser Zeit.
Meine Claire, dachte er grimmig.
Nein, sie gehörte nicht mehr ihm.
Früher vielleicht einmal. Vor langer Zeit und nur ein paar
kurze Monate lang. Nur einen kurzen Augenblick.
Das war lange her.
Reichen starrte ihr Bild hinter dem silbergerahmten Glas an,
überrascht, wie leicht seine Wut auf Wilhelm Roth auf seine
Stammesgefährtin übersprang. Die süße, wunderbare Claire …
im Bett mit seinem größten Feind. War sie sich über Roths üble
Machenschaften im Klaren? Billigte sie sie?
Das war kaum von Bedeutung.
Er hatte eine Mission zu erfüllen. Gerechtigkeit einzufordern.
Tödliche, endgültige Rache zu nehmen.
Und nichts würde ihm dabei im Weg stehen … nicht einmal
sie.
Reichen starrte auf die Fotografie hinunter, Wut glomm im
bernsteinfarbenen Schein seiner Augen, der sich in der gläsernen
Oberfläche spiegelte. Seine Finger brannten, wo seine Haut das
Metall des Rahmens berührte. Er versuchte, den feurigen Sturm
abzukühlen, der sich in seinen Eingeweiden zusammenbraute,
doch es war zu spät.
Mit einem Knurren warf er die Fotografie zu Boden und
wandte ihr den Rücken zu. Er stapfte zu einem der hohen Fenster
und öffnete es mit einem mentalen Befehl – er wusste, was
passieren würde, wenn er es mit den Händen berührte, jetzt, da
seine Wut so kurz davor war, ganz von ihm Besitz zu ergreifen.
Geduckt stieg Reichen auf das Fensterbrett und hörte hinter
sich das heiße Zischen von schmelzendem Silber und splitterndem
Glas, als die gerahmte Fotografie in Flammen aufging.
Dann sprang er in die feuchte Herbstnacht hinaus, um zu
beenden, was Wilhelm Roth begonnen hatte.

Claire Roth spitzte nachdenklich die Lippen und starrte auf das
Modell des Architekten hinunter, das vor ihr auf dem Tisch in
ihrer Bibliothek aufgebaut war.
„Was halten Sie davon, wenn wir die Bank weiter weg von dem
Spazierweg und näher am Koiteich aufstellen, direkt hinter den
englischen Rosen?“
„Eine hervorragende Idee“, sagte eine fröhliche Frauenstimme
aus dem auf Lautsprecher gestellten Telefon in ihrer Nähe.
Die junge Frau rief von einem der Dunklen Häfen der R
egion an.
Nachdem Claire einige ihrer Arbeiten anderswo in den Dunklen
Häfen gesehen hatte, hatte sie die junge Frau engagiert und die
ganze letzte Woche mit ihr am Entwurf einer kleinen, privaten
Parkanlage gearbeitet.
„Haben Sie sich schon entschieden, welches Material Sie für
die Spazierwege haben wollen, Frau Roth? Ursprünglich hatten
Sie ja an Pflastersteine oder Kies gedacht …“
„Wäre es möglich, die Wege natürlich zu belassen?“, fragte
Claire und ging an der Tischkante entlang, um sich den Rest
des maßstabsgetreuen Modells anzusehen. „Ich dachte an
weiche Erdwege mit einer einfachen, aber einladenden Randbepflanzung.
Vielleicht Vergissmeinnicht?“
„Natürlich. Hört sich gut an.“
„Gut“, sagte Claire und lächelte, als sie sich die Wege vorstellte.
„Vielen Dank, Martina. Sie haben großartige Arbeit geleistet.
Sie haben aus meinen chaotischen Ideen so viel mehr gemacht,
als ich mir je hätte vorstellen können.“
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BeitragThema: Re: Leseprobe   Mo Dez 05, 2011 9:05 am

Fortsetzung2:

Die Stimme der jungen Stammesgefährtin am anderen Ende
wurde noch eine Spur fröhlicher. „Der Park wird wunderschön
werden, Frau Roth. Man sieht ihm wirklich an, wie viel Zeit und
Mühe Sie in Ihre Vision gesteckt haben.“
Claire nahm das Kompliment, ohne etwas zu sagen, entgegen,
fühlte aber weniger Stolz als Erleichterung. Sie wollte dieses leere
Grundstück in etwas Schönes verwandeln. Sie wollte, dass es
perfekt war. Jede Anpflanzung, jede sorgfältig platzierte Skulptur
oder Bank und jeder Spazierweg sollten einen Ort totalen Friedens
schaffen. Einen Ort der Ruhe und Besinnung, der Geist,
Herz und Seele inspirierte. Normalerweise war sie niemand, der
sich leicht begeistern konnte – nun, zumindest seit sehr langer
Zeit nicht mehr –, aber sie musste zugeben, dass dieses Projekt
fast zu einer Obsession für sie geworden war.
„Es muss einfach perfekt werden“, murmelte sie und blinzelte
Tränen fort, die ihr plötzlich in die Augen stiegen. In letzter Zeit
war sie viel zu emotional. Nur gut, dass niemand in der Bibliothek
war und ihre Schwäche mit ansah.
„Machen Sie sich keine Sorgen“, tröstete Martinas fröhliche
Stimme. „Ich bin mir sicher, er wird begeistert sein.“
Claire schluckte überrascht. „W… was?“
„Herr Roth“, erwiderte die junge Stammesgefährtin. Ein unbehagliches
Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. „Ich,
äh, tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin. Sie hatten
mich doch gebeten, die Pläne für den Park geheim zu halten,
also habe ich wohl angenommen, dass er eine Überraschung für
Ihren Mann werden soll.“
Eine Überraschung für Wilhelm? Claire musste sich zusammennehmen,
um sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr diese
Idee sie irritierte. Sie hatte ihren Gefährten schon ein halbes
Jahr nicht mehr gesehen. Er kam nur aufs Land, wenn sein
Blut ihn dazu zwang. Mittlerweile graute Claire vor seinen Be-
suchen, aber von ihr als seiner Gefährtin wurde erwartet, ihn
aus ihrer Vene zu nähren und dafür sein Blut zu nehmen. Und
Wilhelm tat nicht einmal so, als ginge es ihm mit ihrem kühlen
Pflichtarrangement anders. Fast die gesamten drei Jahrzehnte,
die sie nun schon ein Paar waren, hatten sie diskret getrennt gelebt
– er in seinem prächtigen Dunklen Hafen in der Stadt und
sie mit einigen Sicherheitsleuten hier draußen im Landhaus,
einige Stunden vor der Stadt gelegen.
Nein, der kleine Park war nicht als Überraschung für ihren
chronisch abwesenden Gefährten gedacht. Er würde sogar ziemlich
wütend sein, wenn er herausfand, dass sie dieses Projekt
ohne sein Wissen initiiert hatte. Zu ihrem Glück zeigte Wilhelm
Roth schon seit geraumer Zeit kein Interesse mehr daran, was sie
dachte, fühlte oder tat. Er ließ ihr bei ihren diversen wohltätigen
und sozialen Aktivitäten freie Hand; alles, was für ihn zählte,
war seine Arbeit bei der Agentur, besonders in letzter Zeit. Das
war seine Obsession, und in einem stillen Winkel ihres Herzens
war Claire sogar froh über ihre Einsamkeit. Besonders in diesen
schwierigen letzten Wochen.
Über den Lautsprecher stieß Martina einen kleinen Seufzer
aus. „Bitte, Frau Roth … entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen
wirklich nicht zu nahe treten.“
„Aber gar nicht“, versicherte ihr Claire. Bevor sie sich eine
passende Lüge für Martina zurechtlegen musste, warum es ihr
so wichtig war, diesen Park anzulegen, oder ihre Entfremdung
von dem Stammesvampir erklären musste, wurde laut an die
Bibliothekstür geklopft. „Noch einmal vielen Dank für den
wunderbaren Entwurf, Martina. Lassen Sie mich wissen, wenn
Sie noch weitere Fragen haben, bevor wir mit der Umsetzung
beginnen.“
„Natürlich. Gute Nacht, Frau Roth.“
Claire beendete das Gespräch, dann trat sie aus dem Raum.
Sie schloss die Tür hinter sich. Noch wollte sie ihr geheimes
Projekt nicht öffentlich machen und sah keinen Grund,
Wilhelms
loyalen Wachhunden Anlass zu Fragen zu geben. Aber
als sie sich jetzt allein einem der Agenten gegenübersah, die abgestellt
waren, um sie und das Anwesen zu schützen, erkannte
sie, dass ihr kleines Geheimprojekt das Wenigste war, das ihre
Sicherheitseinheit interessierte. Der Wächter schien erregt, ungewöhnlich
nervös.
„Ja? Was gibt es denn?“
„Sie müssen mit mir mitkommen, Frau Roth.“
„Warum?“ Jetzt bemerkte sie, dass der riesige Mann sichtlich
erschüttert war. Ein Stammesvampir wie er, bis an die Fangzähne
mit Feuerwaffen und Nahkampfausrüstung bewaffnet, war
sonst nicht so leicht zu erschüttern. Etwas Schreckliches musste
geschehen sein.
Aus dem Funkgerät an seiner schwarzen kugelsicheren Weste
drangen abgehacktes Rauschen und Gesprächsfetzen, schnelle
Wortwechsel der übrigen Agenten, die im Landhaus postiert waren.
„Wir evakuieren das Gelände. Hier entlang, bitte.“
„Evakuieren? Warum? Was ist denn los?“
„Ich fürchte, wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Wieder drang
Rauschen aus seinem Funkgerät. Stimmen im Hintergrund
gaben
abgehackte Befehle aus. „Wir stellen gerade ein Fahrzeug
für Sie bereit. Bitte. Sie müssen jetzt mitkommen.“
Er wollte sie am Arm nehmen, aber Claire trat aus seiner
Reichweite. „Ich verstehe nicht. Warum muss ich gehen? Ich
verlange, dass Sie mir sagen, was hier los ist.“
„Vorhin gab es einen Zwischenfall im Dunklen Hafen Hamburg
…“
„Einen Zwischenfall?“
Der Wächter erklärte nichts, sprach einfach über sie hinweg.
„Als Vorsichtsmaßnahme evakuieren wir das Gelände und ver-
bringen Sie an einen anderen Ort. Zu einem Schutzraum in
Mecklenburg.“
„Moment mal – ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.
Was für ein Zwischenfall in Hamburg? Warum muss ich in
einen Schutzraum verlegt werden? Was hat das alles zu bedeuten?“
Der Wächter sah sie ungeduldig an und bellte seine Position
in sein Funkgerät. „Ja, ich bin jetzt bei ihr. Bringt die Fahrzeuge
zum Vordereingang und macht euch abfahrbereit. Wir sind
unterwegs.“
Wieder griff er nach ihr, und Claires Geduldsfaden riss. „Verdammt
noch mal, reden Sie gefälligst mit mir! Was zur Hölle ist
los? Und wo ist Wilhelm? Holen Sie ihn mir ans Telefon. Ich will
mit ihm reden, bevor ich mich von Ihnen praktisch ohne Erklärung
aus meinem eigenen Haus zerren lasse.“
„Herr Direktor Roth hält sich seit Juli im Ausland auf“, sagte
der Agent zu ihr. Seiner undurchdringlichen Miene nach bemerkte
er absichtlich nicht, wie peinlich es ihr war, dass ein einfacher
Sicherheitsbeamter mehr über den Aufenthaltsort ihres
Gefährten wusste als sie selbst. Er räusperte sich.
„Wir versuchen gerade, den Herrn Direktor zu kontaktieren,
um ihn über den Angriff zu informieren …“
„Angriff“, erwiderte Claire, alle Peinlichkeit war schlagartig
vergessen. Sie fühlte, wie ihr kalt wurde, fühlte sich in ihrer Haut
wie eingeengt. „Herr im Himmel. Im Dunklen Hafen wurde
jemand angegriffen? Ist jemand verletzt?“
Der Wächter starrte sie scheinbar endlos lange an, bevor er
schließlich einen Fluch zischte und die Einzelheiten in einem
tonlosen Wortschwall hervorstieß. „Der Dunkle Hafen Hamburg
wurde vor weniger als einer Stunde angegriffen. Wir haben eben
einen Anruf von einer der Wachen bekommen, der es gelang, zu
fliehen. Dem Einzigen, der entkommen ist“, berichtigte er sich.
„Es war ein absoluter Vernichtungsschlag. Jeder, der sich heute
Abend im Anwesen aufhielt, ist tot.“
„Oh Gott“, flüsterte Claire und ließ sich gegen die geschlossene
Bibliothekstür sinken. „Ich verstehe nicht … wer würde so
etwas tun?“
Der Wächter schüttelte den Kopf. „Wir haben keine genauen
Angaben darüber, wie viele Angreifer bei dem Anschlag beteiligt
waren. Aber der überlebende Agent sagte, so etwas wie diesen
Angriff hätte er noch nie gesehen – es war Feuer überall, als
hätten die Tore der Hölle sich aufgetan und das ganze Anwesen
verschluckt. Es ist nichts als Asche übrig.“
Claire stand da, sprachlos vor Schreck, und versuchte zu verarbeiten,
was sie da gehört hatte. Es war unmöglich … unglaublich.
Es ergab einfach keinen Sinn. Gott, in letzter Zeit war so viel
passiert, das überhaupt keinen Sinn ergab.
So viel sinnlose Gewalt.
So viel sinnloses Sterben.
So viel Schmerz und Verlust …
„Wir können uns keine Verzögerung mehr leisten“, sagte der
Wächter jetzt. „Wir müssen Sie evakuieren, bevor auch dieses
Anwesen angegriffen wird.“
„Sie glauben wirklich, dass die bis zu uns rausgefahren kommen?
Warum?“
Dieses Mal hatte der Wächter nicht mehr die Geduld, ihr mehr
zu sagen. Seine Finger schlossen sich fest um ihren Arm, und
er ging los – und das schnell. Sein zügiger Schritt machte nur
allzu
deutlich: Claire konnte sich beeilen, um mit ihm Schritt zu
halten, oder er würde sie mit Gewalt mitzerren. Das Anwesen
verlassen würde sie auf jeden Fall, und zwar in der Obhut von
schwer bewaffnetem, grimmigem Sicherheitspersonal.
Ihr blieb nicht einmal mehr die Zeit, einen Mantel oder ihre
Handtasche mitzunehmen. Sie floh mit dem Wächter aus dem
Haus und in die Kühle des späten Oktoberabends. Der kalte
Herbstwind drang durch die Fasern ihres weinroten Kaschmirpullovers
und ihrer grauen Wollhose, als sie mit dem Wächter zur
asphaltierten Einfahrt rannte, die Sohlen ihrer Wildlederslipper
schlurften von der Anstrengung, mit den langen Schritten des
Agenten mitzuhalten, der sie am Arm mitzerrte.
Claire wurde zur offenen Tür eines Mercedes geführt, dem
Mittelpunkt einer Eskorte von vier weiteren Fahrzeugen, die sie
erwarteten. „Steigen Sie ein“, wies der Wächter sie an und schob
sie sanft, aber bestimmt vor sich in den Wagen.
Als er neben ihr auf den Ledersitz schlüpfte und die Tür
schloss, versuchte Claire, die Kälte wegzureiben, die ihr so plötzlich
bis in die Knochen gedrungen war und die nicht von außen
kam, sondern aus ihrem eigenen Körper aufzusteigen schien.
Alles ging so schnell. Sie versuchte immer noch, die schrecklichen
Neuigkeiten von dem Angriff auf den Dunklen Hafen
Hamburg zu begreifen, ganz zu schweigen von dem Gedanken,
dass noch vor wenigen Minuten ihre größte Sorge der beste Ort
für eine Gartenbank oder ein Blumenbeet gewesen war. Nun war
die kleine Gruppe von Wilhelms Verwandten und Bodyguards,
die mit ihm im Dunklen Hafen gewohnt hatten, tot, und sie
wurde mitten in der Nacht aus ihrem Zuhause gerissen, auf der
Flucht vor etwas unfassbar Bösem.
Warum?, klagte sie innerlich. Diese Frage hatte sie sich auch
schon vor drei Monaten gestellt, als ein anderer Dunkler Hafen
einer schrecklichen Tragödie zum Opfer gefallen war. Auch dort
waren nur Asche und Rauch übrig geblieben. Aber laut der
ermittelnden Agenten hatte es sich dabei um einen Unfall gehandelt.
Eine unvorhergesehene Explosion, so wild und zerstörerisch,
dass sie alle Bewohner des Dunklen Hafens auf der
Stelle getötet hatte.
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BeitragThema: Re: Leseprobe   Mo Dez 05, 2011 9:07 am

Fortsetzung 3:

Und dennoch peinigte sie die Frage immer noch genauso
schmerzhaft wie damals, als sie die schrecklichen Neuigkeiten
zum ersten Mal gehört hatte …
Warum?
„Eskorte abfahren“, sagte der Wächter am Steuer über
Funk zu den anderen Fahrzeugen. Er trat aufs Gas, und die
Flotte schwarzer Limousinen begann wie eine schnell dahingleitende
Schlange die lange, waldgesäumte Zufahrtsstraße hinunterzurasen.
Claire lehnte sich zurück und versuchte, die Nervosität nicht
zu spüren, die in der abgestandenen Luft des Wagens hing. Der
Wald, der sie umgab, kam ihr irgendwie dunkler vor als sonst, so
seltsam ruhig. Über ihnen wurde das schwache Mondlicht von
den dichten Wipfeln der hoch aufragenden Fichten verschluckt.
Die Eskorte nahm die erste Kurve der fast einen Kilometer
langen privaten Zufahrtsstraße. Als sie auf gerade Strecke kamen,
beschleunigten sie, schalteten synchron in einen höheren Gang
und brausten auf die Hauptstraße zu.
Der Angriff, der den ersten Wagen im nächsten Augenblick
ereilte, kam ohne jede Vorwarnung.
Aus dem pechschwarzen Wald schoss ein blendend heller
orangefarbener Feuerball hervor. Er krachte in den ersten Mercedes
der Kolonne, der sofort explodierte. Claire schrie auf, sie
spürte die Druckwelle der Detonation bis in die Fußsohlen.
„Scheiße, was ist das?“, schrie der Wächter neben ihr auf dem
Rücksitz. „Herrgott, brems doch, verdammt!“
Rote Hecklichter leuchteten vor ihnen auf, und ihr Fahrer
hatte alle Hände voll zu tun, um nicht in den Kofferraum der
Limousine vor ihnen zu krachen, als ihr Wagen schlitternd zum
Stehen kam. Die Wagen der Fahrzeugkarawane standen kreuz
und quer wie eine entgleiste Spielzeugeisenbahn.
Und der erste Wagen vor ihnen war in Flammen gehüllt, die
hoch in den schwarzen Himmel loderten.
In diesem Augenblick schoss ein weiterer Feuerball aus dem
Schutz der Wälder, flog in einem rasenden, kometenhellen Bogen
direkt auf die Autos zu. Und noch eine Flammenkugel folgte
ihm, beide furchterregend in ihrer schrecklichen, brennenden
Schönheit.
Der Wächter neben Claire beugte sich vor, die Finger in die
Kopfstütze des Vordersitzes verkrallt.
„Rückwärtsgang, verdammt!“, schrie er den schockstarren
Fahrer an. „Schmeiß den Rückwärtsgang rein, und dann nichts
wie weg, verdammt!“
Mit quietschenden Reifen schoss der Mercedes rückwärts.
Als der Wagen schleudernd auf dem schmalen Asphaltstreifen
wendete und ihr Fahrer in seiner Panik knirschend das Fahrzeug
hinter ihnen rammte, sah Claire, wie die Männer in den beiden
übrigen Autos vor ihnen ihre Türen aufrissen und versuchten,
zu Fuß zu entkommen. Einer von ihnen rannte in den Schutz
der Wälder.
Der andere war nur um Sekunden zu langsam. Der erste
Feuerball krachte gegen die Kühlerhaube seines Wagens und
löschte Mann und Fahrzeug in einem widerlichen Aufbrüllen
von verbogenem Metall und fliegenden Trümmern aus.
Claire schrie und wandte ihr Gesicht von dem Gemetzel ab,
gerade als der zweite Feuerball auf den leeren Wagen vor ihnen
herabfuhr. Die Explosion brachte die Erde zum Erbeben und
riss einen tiefen, rauchenden Krater in den Boden.
Der Wächter neben ihr bekreuzigte sich, dann boxte er mit
einem üblen Fluch gegen den Fahrersitz.
„Mach schon, Idiot! Gib Gas! Wir müssen weg hier!“
Zu spät.
Aus dem Nichts – scheinbar aus dem Himmel selbst – kam
eine kreisende, feurige Hitzekugel geflogen. Der Feuerball
schoss an der Windschutzscheibe des Wagens vorbei zu Boden,
sein Schein war so intensiv, dass das Innere des Mercedes von
blendendem, weiß glühendem Licht erfüllt wurde. Was immer
das war, es fühlte sich an, als wäre es mit der Kraft von zehn Sonnen
aufgeladen, die elektrische Ladung eines Blitzes, konzentriert
in einen Feuerball von der Größe einer Bowlingkugel. Die
Härchen auf Claires Armen und in ihrem Nacken stellten sich
auf, als das Ding einen knappen Meter neben der Kühlerhaube
des Wagens in den Boden krachte.
Hinter ihnen schlug ein weiterer Feuerball ein und schleuderte
Claire und ihre beiden Begleiter in ihren Sitzen nach vorn.
Mit einem widerlichen Knacken schlug der Kopf des Fahrers
auf dem Lenkrad auf. Durch den Aufprall detonierte der Airbag
und aktivierte das Sicherheitssystem des Wagens. Inmitten des
plärrenden Alarms und der Wolke chemischen Gases des aufgegangenen
Airbags roch Claire Blut. Sie wischte sich über die
Stirn und schluckte schwer. Auf ihren Fingen waren rote Flecken.
Scheiße.
In Anwesenheit von Vampiren zu bluten war nie eine gute
Idee, selbst wenn sie das Abhärtungstraining der Agentur durchlaufen
hatten und ihrem äußerst einflussreichen, äußerst unversöhnlichen
Gefährten so treu ergeben waren wie diese hier.
Nicht, dass sie damit rechnete, dass sie heute Nacht lange genug
am Leben blieb, um sich über den potenziellen Blutdurst ihrer
Wachen Sorgen zu machen. Dass sie oder einer von ihnen die
nächsten Augenblicke überleben würden, kam ihr äußerst unwahrscheinlich
vor.
„Rennen Sie“, knurrte der Mann neben ihr auf dem Rücksitz,
eine Waffe in jeder Hand. Er starrte den Türgriff neben ihr an,
die Pupillen
in den bernsteinfarbenen Iriskreisen zu vertikalen
Schlitzen verengt. Durch seinen mentalen Befehl schwang die Tür
auf. „Rennen Sie, so weit Sie können. Das ist Ihre einzige Chance.“
Claire kletterte aus dem Wagen und sprang unsicher schwan-
kend auf den Boden. Ihre Beine waren schwach und zitterten.
Ihr Kopf dröhnte, ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Sie hörte
den Wächter aufbrüllen, als er auf der anderen Seite aus dem
Wagen stieg und sich dem Angriff entgegenstellte – was immer
da auf ihn zukam.
Claire ging langsam auf die hohen, schwarzen Schatten des
Waldes zu, während das Chaos überall rund um sie herum
weiterging.
Ein paar Wächter rannten mit gezogener Waffe an
ihr vorbei, als könnten sie etwas gegen die Hölle ausrichten, die
sie heute Abend hier heimgesucht hatte. Claire konnte sich nicht
vorstellen, was für eine Armee einen solch brutalen Offensivschlag
verüben konnte. Als sie sich dem Waldrand näherte, warf
sie einen verängstigten Blick über die Schulter.
Wer auch immer diese angreifenden Truppen waren, jetzt
rückten sie näher. Der geisterhafte Schein, der hinter ihr durch
den Wald zuckte, wurde mit ihrem Vorrücken immer heller.
Claires
Schritte verlangsamten sich, als orangefarbenes Licht
zwischen den Bäumen durchbrach wie sengende Sonnenstrahlen
mitten in der kältesten Finsternis. Sie starrte gebannt,
unfähig, den Blick abzuwenden, als immer näher kam, was wahrscheinlich
ihr Tod sein würde.
Eine Silhouette begann sich zu bilden.
Keine Armee, sondern ein einzelner Mann.
Ein Mann, dessen ganzer Körper in Flammen stand.
Für einen Augenblick – einen irritierenden, wahnhaften Augenblick
– dachte Claire, dass sie diese breiten Schultern, diesen
geschmeidigen, wiegenden Gang kannte. Das war natürlich unmöglich.
Und doch glomm ein Funken von Vertrautheit in ihr
auf. Konnte sie diesen Mann kennen?
Aber das war kein Mann – mit Sicherheit niemand, den sie
kannte, weder jetzt noch früher. Diese Kreatur war einem Albtraum entstiegen.
Er war der leibhaftige Tod.
Ein Schuss riss Claires Aufmerksamkeit zu der Gruppe von
Agenten, die sich in der Nähe versammelt hatte. Ein weiterer
Schuss krachte, dann wieder und wieder einer, bis die Luft von
Schüssen erfüllt war. Nicht, dass es etwas nützte.
Der Mann aus Feuer ging einfach weiter, unbeeindruckt.
Sobald die Kugeln ihm zu nahe kamen, explodierten sie wie
harmlose
Feuerwerkskörper, die auf die Hitzewand trafen, die
seinen Körper umgab.
Als die Agenten die letzten Kugeln verschossen hatten, blieb
er stehen.
Er hob die Hände vor sich, doch es war keine Geste der Kapitulation.
Praktisch ohne jede Vorwarnung entfesselte er einen
wahren Feuerhagel auf die Agenten. Claire konnte ihren Entsetzensschrei
nicht zurückhalten, als die Flammen die Männer
einhüllten und auf der Stelle zu Asche verbrannten.
Sie spürte es sofort, als der Mann sie bemerkte. Sie spürte, wie
die Hitze seiner Augen sie aus der Entfernung durchdrang. Jedes
Nervenende ihres Körpers spannte sich straff vor Angst.
„Oh Gott“, flüsterte sie und stolperte ein paar Schritte rückwärts.
Der Feuermann tat einen Schritt in ihre Richtung, all seine
schreckliche Wut war jetzt auf sie gerichtet.
Claire floh, sie wagte nicht, sich noch einmal umzusehen. Sie
stürzte sich in die Wälder und rannte um ihr Leben.
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